Abt. Mikropolitik - heute: Der Wohnflächenbedarf sinkt!


Die Analyse der Regierung in ihrem Gegenvorschlag zur Initiative des Mieterverbandes "Bezahlbares und sicheres Wohnen für alle!", über die wir in Basel-Stadt am 22.9.2013 abstimmen, auf Seite 39:

Zwischen 1990 und 2000 ist die Wohndichte im Kanton Basel-Stadt deutlich gesunken, parallel dazu ist die mittlere Wohnfläche pro Einwohner um 10% auf knapp 43 m2 gestiegen. Verantwortlich dafür war nebst der Veränderung der sozialen Strukturen (mehr Alleinstehende, ältere Personen und veränderter Familienstrukturen) die steigende Kaufkraft.
Die Prognose der Regierung:
Eine in Zukunft etwas moderatere Fortsetzung dieser Entwicklung darf erwartet werden.
Die daraus abgeleitete Annahme der Regierung:
Für die Wohnraumentwicklungsstrategie wird ein Mehrbedarf an Wohnfläche zum Ausgleich des steigenden Flächenverbrauchs von ca. 5.5% innert 20 Jahren (respektive 2.75% pro Jahrzehnt, vgl. Kapitel 3.4.7) angenommen.
Zu Deutsch: In den 90er Jahren zogen massenhaft Menschen aus Basel weg. Das belegt das Statistische Amt tatsächlich:

Die Gebliebenen verteilten sich auf die leer werdenden Wohnungen, aus familiären Gründen und / oder weil sie sich's leisten konnten. Wer wollte es ihnen verüblen. Soweit nachvollziehbar.

ABER: Stimmt die Annahme der Regierung? Geht der Trend in dieselbe Richtung weiter? Braucht's mehr Wohnungen, weil wir mehr Fläche "wollen"?

Schauen wir mal, was in den von ihr ausgeblendeten Jahren zwischen 2000 und heute passiert ist.

Betrachten wir das Jahr 2000:

Die Anzahl Wohnungen betrug damals, laut Statistischem Amt: 104'092
Die Anzahl Menschen in Basel betrug am 31.12.00: 188'581
Und jedeR hatte, laut der Regierung, rund 43 m2 für sich.

Daraus können wir die gesamte Wohnfläche in Basel berechnen:

Menschen X Wohnfläche pro Kopf = 8'108'983 m2 Wohnfläche gab's offenbar in Basel-Stadt im Jahr 2000. Die durchschnittliche Grösse einer Wohnung war ergo im Jahr 2000: 8'108'983 m2 Gesamtwohnfläche geteilt durch 104'092 Wohnungen = 77,9m2.

Und jetzt: Spot auf das Jahr 2011!

Die Anzahl Menschen betrug Ende Jahr 192'304.
Die Anzahl Wohnungen betrug: 105'583.

Die Regierung schreibt über die Zeit von 2001 bis 2010:

In den 10 Jahren des Projekts Logis Bâle wurden 2'765 Wohnungen neu erstellt. Zusätzlich sind etwa 500 Wohnungen durch Dachstockausbauten und weitere 200 durch Umnutzung von Büros entstanden. Weitere 1'200 grosszügigere Wohnungen konnten durch Zusammen- legungen von kleineren Einheiten geschaffen werden. Insgesamt sind so gut 4'600 neue und neuwertige Wohnungen entstanden.
4'600 Wohnungen, für die wir - just for the fun of it - grosszügige 120m2 Durchschnittsgrösse annehmen.

Was hat sich dadurch verändert am "Wohnflächenverbrauch pro Kopf"?

Von den 105'583 Wohnungen 2011 ziehen wir die 4'600 dank Logis Bâle entstandenen ab. An der Durchschnittsgrösse dieser verbleibenden 100'983 Wohnungen hat sich seit 2000 nichts geändert: 77,9m2. Ergibt 7'866'575m2. Dazu kommen jetzt die 4'600 X grosszügig angenommenen 120m2 = 552'000m2. Das heisst, die Gesamtwohnfläche ist in Basel-Stadt von 2000 bis 2011 in diesem Modell gestiegen von 8'108'983 m2 auf 8'418'575 m2. Teilen wir die durch die 192'304 Menschen, erhalten wir 43,8m2, wo es anno 2000 noch 43 waren. Eine Zunahme der "Wohnfläche pro Kopf" um 1,9% in zehn Jahren.

Jetzt kommt aber die Pointe: In der umständlichen Rechnung, obwohl plausibel, muss irgendwo ein krasser Fehler stecken!

Grund: Am Freitag, dem 28.6.2013, Bündelitag, war in der BaZ (Backup: 42m2-baz (application/pdf, 715 KB) ), gezeichnet von Regula Küng, Leiterin Fachstelle Stadtwohnen und Peter Näf, wirtschaftlicher Praktikant im Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt, der explosive Satz zu lesen:

In Basel-Stadt liegt der individuelle Wohnflächenbedarf heute bei 42 Quadratmeter Wohnfläche pro Person.
42! Der "Hitchhiker's Guide To The Galaxy" lässt grüssen! 42m2! Wohnfläche pro Person! 2013! Nicht mehr 43, wie 2000! Und auch nicht die 43,7 von mir, Handgelenk mal Pi, falsch errechneten. Die Profis sagen "on the record":

Der Wohnflächenbedarf pro Person in Basel-Stadt sinkt!

Wenn dies stimmt, bricht ein relevanter Pfeiler der Regierung in ihrem Argumentarium für ihre Wohnraumförderpolitik weg. Denn diese operiert mit 43 m2, and counting! Aus "43 and counting" kommt sie auf die Zahlen hier:

Der von der Regierung im Ratschlag vom August 2012 auf Seite 50 behauptete "Bedarf aus der Zunahme der Wohnfläche pro Person" im Umfang von Raum für immerhin 9'400 Menschen (a.k.a. Einwohneräquivalente) basiert auf falschen, veralteten Zahlen. Es gibt ihn schlicht nicht. Regula Küng und Peter Näf haben offenbar inzwischen bessere Daten.

Der Trend läuft in die genau entgegengesetzte Richtung. Es gibt, wenn die Küng-Näf'sche "42" korrekt ist, keinen "Bedarf aus der Zunahme der Wohnfläche pro Person"!

Es gibt vielleicht einen Bedarf nach neuen Wohnungen, aufgrund der steigenden Anzahl Menschen. Aber es geht - in gewissen Grenzen - offenbar auch ganz gut ohne. Wenn der Drang der Menschen in die Stadt gross genug ist, aber das Wohnungsangebot nicht gleich allen einen Singlehaushalt ermöglicht, dann arrangieren sich Neuzuzüger und Alteingesessene offenbar auch mit dem bestehenden Wohnraum.

Was bedeutet das am Ende? Spielt die vermeintliche "Petitesse" wirklich eine Rolle, ob dort im Ratschlag 43 oder hier im BaZ-Artikel 42 steht?

Aber Ja! In der politischen Debatte um die Initiative des Mieterverbandes spielt es sehr wohl eine wichtige Rolle, ob die Gegenseite mit korrekten Zahlen argumentiert, oder ob sie - wie's den Anschein macht - mit veralteten Daten einen so nicht vorhandenen Trend behauptet, und auf dieser Basis ein investorenfreundliches Argumentarium zusammenschustert gegen die Initiative "Bezahlbares und sicheres Wohnen für alle!".


Wohnflächenbedarfszahlenstatistik

Wenn man für die Durchschnittsgrösse der 4'600 neuen Wohnungen den Durchschnittswert der bereits vorhandenen Wohnungen ansetzt, ergibt sich folgende Rechnung:

(100'983+4'600)*77.9 = 8'224'915.7 qm total  
8'224'915.7 / 192'304 = 42.77 qm "pro Nase"  

Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass sich der individuelle Wohnraumbedarf in Basel in den vergangenen zehn Jahren schlicht überhaupt nicht verändert hat.

Man könnte es aber auch lassen - bekanntlich erschwert zuviel Faktenwissen die Meinungsbildung nur unnötig ;-)

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Word up,

Bernd Villiger! Danke!

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