Abt. bazille des Tages
Die beste aller Basler Tageszeitungen bringt nicht nur die Gefühle ihrer LeserInnen in Wallung, auch Schreibende haben die ihrigen, wie es scheint, ab und zu nicht mehr ganz im Griff. Es geht um eine Kritik von Alvis Hermanis' Inszenierung von Dostojewskijs "Idiot" im Zürcher Schauspielhaus. "Ausserirdisch" und "Sensationell" lauten die Zwischentitel, die dem Dienstredaktor dazu eingefallen sind. Wir hätte wohl eher "Merkwürdig" und "Hoppela" geschrieben. Doch beginnen wir mit dem bereits sehr gefühlsbetonten Beginn:

"Machen wir dem Ärger Luft: Von der Zürcher Schiffbauhalle ist rein gar nichts zu sehen."
Es soll ja Menschen geben, die ins Theater gehen, um ein Stück zu sehen und nicht den Theaterbau an und für sich. Aber seien wir nicht so ungerecht, der Autor meint ja etwas anderes:
"Wenn sich der fette, noch mit rotem Licht verzuckerte rote Plüschvorhang hebt, trauen wir unseren Augen nicht. Reaktionär, museal, als ob der Farbfilm noch nicht erfunden wäre."
Hoppla. Harte Worte sind das für ein Bühnenbild, das historisierend-realistisch daherkommt.
"So etwas hat ein Theaterbesucher aus der Generation des Regisseurs (43) in seinem Leben noch nie gesehen"
Spätestens hier hätte die Redaktion mit der Schere dem wohl nicht ganz so erfahrenen Rezensenten zu Hilfe eilen müssen. Hyperrealistische Requisitenorgien sind ganz bestimmt keine exklusive Spezialität der verantwortlichen Bühnenbildnerin Monika Pormale. Doch es kommt noch happiger. Nicht nur die Ausstattung, auch das Publikum, das an dieser Gefallen gefunden hat, wir zur Zielscheibe eines Rundumschlags gegen alles, was offensichtlich nicht in die modernistische Sachlichkeitsschublade passt:
"Und das nahezu vollständig im Pensionsalter sich befindende Publikum (...) fühlt sich pudelwohl (...) und verhält sich wie im Dorftheater in der Mehrzweckhalle, wo diese Ästhetik in einer armseligeren Version die Jahrzehnte überdauert hat.
Der geballte, leserbriefliche Zorn aller Dorftheatermacher und Rentnerinnen soll den Autoren treffen, dessen Gefühlswallungen folgendermassen eine Fortsetzung finden:
Schimpfen muss ich über diesen Theaterabend und schwärmen. Ja, eine Entscheidung wäre nicht aufrichtig.
Lassen wir die Grammatik mal beiseite und lesen weiter:
So also fühlt es sich an, wenn man im Theater durch eine Ästhetik provoziert wird.
Immer diese provozierenden Ästhetiken. Aber was frotzle ich auch, haben wir nicht ein paar Zeilen vorher erfahren, dass wir so etwas in unserem Leben noch nie gesehen haben können ...
"Gestört durch dieses radikal altmodische Theater, wehre ich mich mit Ärger und werde zum Spiesser."
Der Arme. Aber wir wehren uns nicht, lesen bis zum Schluss, der so etwas wie die Quintessenz des Theatralischen schlechthin ist:
"Ausgerechnet das Zuviel der Bildebene hat den Effekt einer Reduktion, und was übrigbleibt ist – der Mensch."
Ecce Homo, heisst es schon in der Bibel.
Hinter der Schminke, dem Kinnbart, dem Reifrock, ja sogar hinter der Rolle. Enthüllt. Das allerdings ist eine Sensation."
Der Mensch als Sensation. Verdamm humanistisch so etwas ...

Hannes Veraguth
heisst der Verslibrünzler. Er hat sich unter anderem einen Namen gemacht durch die eigenhändige Einführung des Begriffs "EduFood" in die deutsche Sprache. Der UrText aller EduFooder stand am 28.1.08 ebenfalls in der besten aller und begann so:
Auf immer mehr Lebensmitteln stehen ganze Geschichten, die uns unterhalten und belehren. Lebensmittel als Lehrmittel: EduFood. Eine Analyse.

Auf dem Klo macht es besonders Spass. Was gibt es während dem «grösseren Geschäft» im stillen Örtchen Lustvolleres als das Entziffern von Buchstaben. Die meisten Menschen lesen dort irgendetwas, weshalb es in vielen Toiletten gut bestückte WC-Bibliotheken gibt. Aber auch in spartanischer eingerichteten Bedürfnisanstalten oder Badezimmern findet sich immer etwas zum Lesen, denn während dem «Loslassen» auf dem Klo ist bekanntlich alles spannend: «Toilettenpapier papier toilette carta igienica papel higiénico toilet paper papier toaletowy toaletni papier hârtie igienicâ.» Seit einiger Zeit ist es verlockend, sich im Migros und im Coop wie auf der Toilette zu verhalten. Überall gibts Futter für die Produktetexte-Fresser. Weil Text eben der billigste Rohstoff ist, um Produkte preislich zu veredeln.
Der Mann hat zuviel Bazon Brock gesehen. Anders ist nicht zu erklären, warum er am 27.10.07 auf 20:15 Uhr zur "Vortrags-Performance" geladen hatte auf die Kleine Bühne des Theater Basel, wo erselbst performierte unter dem Titel "Gladiatoren vor Falludscha".

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das ist ungerecht:
jemand der uns dahingehend belehrt, dass sich "wc-bibliotheken" häufig - na, wo? - jawohl: "in toiletten" finden, ist doch ein wahrer erheller der menschheit.

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